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In der schönen neuen Welt von PISA

Es begab sich, dass der König der Tiere unzufrieden war mit den Schulen des Landes. Er hatte gehört, in anderen Ländern sei's besser. Er befahl seinen hohen Beamten, die Schulen schleunigst und gründlich zu reformieren. Sie erstellten umfangreiche "Bildungsstandards", "Kerncurricula" und allerlei andere Ziele.

Die Schulen sollten nun vor allem lehren, was gemeinhin als wichtigstes galt: Wettrennen, Klettern, Schwimmen und Fliegen. Man nannte dies „Kompetenzen“. Wie die Kinder dies lernten, sei Sache der Schulen, nur über die "Kompetenzen" müssten am Ende alle verfügen. Den Schulen wurde befohlen, Leitbilder, Schulprogramme, allerlei Konzepte zu schreiben und "Evaluation" zu betreiben. Man nannte sie "eigenverantwortlich", ließ sie dennoch von Inspektoren überprüfen, die wüssten, was "Schulqualität" sei. 

Doch dann zeigte sich dies:

Die Enten konnten hervorragend schwimmen. Im Fliegen allerdings brachten sie es nur auf ausreichende Leistungen. Im Wettrennen waren sie hoffnungslos überfordert. Die meisten von ihnen mussten daher mit dem Schwimmen aufhören und in teuren Nachhilfestunden Wettrennen trainieren. Das führte dazu, dass ihre Schwimmfüße schon nach kurzer Zeit vor Anstrengung schmerzten und sie nur noch mäßig schwammen. Die Inspektoren waren es durchaus zufrieden, sie empfahlen mehr offenen Unterricht und selbständiges Lernen.

Die Kaninchen konnten gut Haken schlagen und sich in Höhlen verstecken. Doch führte man sie ins Schwimmbad, wurde ihr Fell noch grauer als grau. Lange verweilten sie in den Umkleidekabinen, paddelten hilflose Runden mit triefnassem Fell und vermieden das Tauchen. Auch Therapien halfen nur wenig.

Die Eichhörnchen waren hervorragend im Klettern. Sogar beim Fliegen von Ast zu Ast leisteten sie Beachtliches. Als sie sich jedoch in der Kompetenz "Abheben vom Boden" üben sollten, reagierten sie völlig frustriert. Die Mädchen, die sich meistens mehr Mühe gaben als die zappeligen Jungen, klagten bald über heftigen Muskelkater. Darunter litten auch ihre Noten im Klettern und Laufen. Als Ausgleich wurde für sie ein "Girls Day" erfunden, damit sie im späteren Leben nicht benachteiligt seien. Die Inspektoren fanden dies beispielhaft.

Es gab nur wenige Adler, aber sie machten Sorgen. Manche ihrer Eltern lebten getrennt, andere hatten vor den Problemen der Erziehung schlicht kapituliert. Viele Adlerkinder waren so dick, dass sie kaum noch die Flügel erhoben. Sie wurden süchtig nach billigen Filmen und grausigen Spielen. Ihre Noten waren oft miserabel, ihr Verhalten entsprach den Erwartungen nicht. Wenn sie versuchten, sich in die Luft zu erheben, wurden sie mit  Schimpfen und Strafen daran gehindert. Als sie schließlich einen Baumstamm hinauf klettern sollten, machten einige allerlei Blödsinn. Einer weigerte sich und wurde zum Schulpsychologen geschickt. Dieser wusste keinen rechten Rat, doch es fand sich ein Arzt, der ein „ADHS-Syndrom“ diagnostizierte und Pillen dagegen verschrieb.

Die besten Schüler waren die Aale. Sie konnten sehr gut schwimmen, überwanden feuchte Wiesen, kletterten flugs die Fischtreppen hoch und schnellten dabei sogar durch die Luft. Vor allem: Sie verhielten sich still in der Schule, träumten von früher Kindheit im Meer, taten dabei interessiert, in der mündlichen Mitarbeit und in der Sauberkeit ihrer Hefte und Bücher übertrafen sie alle. Sie wechselten bald zu den geschätztesten Schulen des Landes, die man Gymnasien nannte. 

Denn alle Kinder wurden, kaum hatten sie sich an Schule gewöhnt, in verschiedene Gruppen sortiert. Das gab es in keinem anderen Land, doch man sagte, dies werde Begabungen besser gerecht. Und so landeten die einen in Gymnasien, andere in Real-, der Rest hingegen in solchen, die man Hauptschulen nannte. Dort trafen sie Kinder aus anderen Ländern, die von Sprache und Gebräuchen nur wenig wussten. 

Nicht alle Eltern akzeptierten die Empfehlung der Lehrer. Wohl wissend, dass der König und seine Minister nichts mehr fürchteten als Unmut bei Wahlen, gaben sie ihre Kinder einfach in Schulen, die sie glaubten, sich schuldig zu sein. Mit Begabung hatte dies oft wenig zu tun, wurde jedoch toleriert und immer mehr üblich. 

Manchmal wurden Ranglisten erstellt, ähnlich den Medaillenspiegeln bei olympischen Spielen. Man erklärte die Bildung, besonders jedoch die Betreuung zu wichtigen Zielen des Staates. Man baute dringend benötigte Mensen und Caféterien, über Plätze in Krippen wurde heftig gestritten.

Doch nicht alle fanden gelungen, was Kaiser und König und ihre Beamten ersannen. Die Kinder der Füchse und Schlangen blieben Schulen wie diesen fern. Ihre Eltern gaben sie einem Dachs in die Lehre. Der fand, Erziehung und Bildung seien nicht zu standardisieren, er kam ohne Leitbilder aus und misstraute wortreichen Konzepten. In seiner Schule hielt man wenig von Evaluation, Inspektion und anderem Technokratengedöns. Man verbrachte viel Zeit mit den Kindern und saß wenig in Sitzungen. Man kannte die wichtige  Rolle des Zweifels und der Anregung von außen.

In dieser Schule nahm man die Kinder, so wie sie waren, bestand nur auf wenigen, aber wichtigen Regeln. Man achtete ihre Talente, förderte Stärken, man ließ sie gewähren und forderte auch, ermutigte und regte viel an. Die jungen Füchse durften die Wälder erkunden und die Schlangen sich lautlos im Grase bewegen. Dennoch wurde kein Kind nach Können sortiert und den Eltern keineswegs ihr Teil erlassen.

Man sagte, dort möge man Kinder.

 

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